Lokalkoloritisches

Der Stadtschamane – oder – weine nicht, wenn der Regen fällt
Der extrem heisse und trockene Sommer 2026 hat uns allen ziemlich zu schaffen gemacht, so auch den Menschen im malerischen Landstädtchen Rheinsiedeln. Der ansonsten stolze Rhein schrumpfte bereits im heissen Juni merklich zusammen und glich dann im Juli und August immer mehr einem subtropischen Wadi in einer breiten Steinwüste. Wegen des niedrigen Wasserstandes wurde die Rheinschifffahrt immer mehr eingeschränkt und kam dann so um den 20. August herum endgültig zum Erliegen. Den Bauern verdorrte der Mais auf den Feldern, und während des Rasenwässerungsverbots beargwöhnten einander die Einfamilienhäuschenbesitzer gegenseitig wegen allfälliger verdächtiger Grüntöne im nachbarlichen Gras. Wie erst gegen Mitte September öffentlich bekannt wurde, hat der Stadtrat von Rheinsiedeln jedoch schon anfangs Juni eine geheime Sondersitzung durchgeführt, um über punktuelle Spezialeinsätze eines «Stadtschamanen» zur Heraufbeschwörung von Regen auf dem Gemeindegebiet zu beraten.
Der Stadtpräsident Gustav Randegger eröffnet nun also am Mittwoch, 3. Juni 2026 diese streng geheime Sondersitzung und begrüsst seine Stadratskolleg:innen und den Stadtschreiber.
Randegger: Heute geht es um ein ganz spezielles Traktandum. Wie ihr alle wisst, ist das derzeitige viel zu heisse und viel zu trockene Wetter für uns alle ein riesiges Problem, für dessen Lösung wir alle erdenklichen Wege beschreiten und nötigenfalls auch unkonventionelle Mittel einsetzen müssen. Ich habe deshalb kürzlich ganz privat ein indianisches Regenschamanenseminar besucht, - ja ich weiss, man sagt dem heute anders, aber anyway, ich habe also dieses Seminar besucht, und da hat dieser Schamane eine echte Regenzeremonie abgehalten, und wir mussten zu Trommelmusik um einen Regenbottich herumtanzen.
(Die Stadträtin Britta Grütter grinst vernehmbar)
Der Schamane hat getrommelt und einen Gesang angestimmt, und ob ihr `s glaubt oder nicht, eine Viertelstunde später hat `s geregnet, aber wirklich! Ich habe dann nach der Zeremonie mit dem Schamanen gesprochen und ihn gefragt, ob er auch Aufträge von Gemeinden annehme? Er bejahte meine Frage, erklärte jedoch, er sei derzeit total ausgebucht, er könne mir jedoch einen schamanischen Kollegen empfehlen, der noch Regenbeschwörungstermine frei habe. Nun die Frage an euch: Seid ihr mit solchen versuchsweisen Schamaneneinsätzen grundsätzlich einverstanden?
Ja, Stadtrat Möckli?
Möckli: Frage: was kostet so eine Zeremonie?
Randegger: Pauschal muss man pro Zeremonie mit einem Tausender rechnen, zusätzlich Fahrspesen.
B. Grütter: Und wenn es trotz Zeremonie innert nützlicher Frist nicht regnet?
Randegger: Wenn der Erfolg ausbleibt, gibt es einen sogenannten Nutzlosigkeitsrabatt, das heisst: das Ganze reduziert sich dann auf 500 Stutz.
Möckli: Ist immer noch viel für eine Null-Leistung!
Randegger: Sie müssen ja beispielsweise einen Anwalt auch dann bezahlen, wenn er den Prozess verliert, und der kostet dann wesentlich mehr.
Haldimann: Wir Bauern wären natürlich froh um regelmässige Niederschläge, sonst verdorrt uns alles, und die Kühe haben kein Futter mehr. Also ich wäre für diesen Brahmaneneinsatz.
Randegger: Schamaneneinsatz, heisst es.
Aber hören wir doch noch, was Emma Trinkler hier zu sagen hat, welche die Wasserversorgung unter sich hat.
Trinkler: Zur Sicherung unserer Wasserressourcen müssen wir heute auch unkonventionelle Methoden anwenden. Ich bin ganz klar für einen solchen versuchsweisen Schamaneneinsatz. Wir sollten nichts unversucht lassen, was möglicherweise Hilfe verspricht.
Möckli: Versprechen kann jeder, diese «Blamanengeschichte» hat einen unseriösen Beigeschmack.
Grütter: Jawohl, einen Scharlatanengeschmack!
Randegger: Ich bitte um Sachlichkeit!
Grütter: Jawohl Sachlichkeit, nicht so abstrusen Hokuspokus!
Randegger: Es gibt da noch einen wichtigen Punkt, den ich bisher noch nicht erwähnt habe: Die westlich von Rheinsiedeln gelegene Gemeinde Karrenhausen steht ebenfalls schon in Kontakt mit einer Schamanenfirma. Wenn die Karrenhausener nun also so einen Regenschamanen engagieren, und wir nicht, dann besteht die Gefahr, dass sich das ganze - in der Regel von Westen herkommende - Niederschlagspotential schon über der Gemeinde Karrenhausen leerregnet, und dass für uns davon nichts mehr übrigbleibt. Dies kann meines Erachtens nur der Einsatz eines eigenen Stadtschamanen ausgleichen.
Möckli: Die Karrenhausener sollen doch ruhig ihre Steuergelder für solchen esoterischen Unsinn verschleudern! Glauben Sie denn an einen solchen Quatsch, Herr Präsident? Sie sind doch von der gleichen bodenständigen Partei, wie ich.
Randegger: Mit Verlaub, Herr Möckli, ich bin zwar ein skeptischer Mensch, aber seit ich selber gesehen habe, dass dieser Quatsch gar kein Quatsch ist, glaube ich an ihn, wenn auch mit gewissen Vorbehalten. In unserer hitzebedrohten Zeit sollte man sich auf jeden Fall alle Optionen offenhalten, und nichts unversucht lassen, was allenfalls eine Erfolgschance hat. Ich will mir nachher nicht vom Volk vorwerfen lassen, wir hätten aus weltanschaulichen Gründen eine wichtige Chance verpasst.
Grütter: Und was passiert, wenn der Regentanz so erfolgreich ist, dass es grosse Überschwemmungen und Hagelschäden an Kulturen und Autos gibt, haftet dann dieser «Schamoney-maker-man» oder gar die Stadt, die diesen engagiert hat?
Randegger: Wenn sich ohnehin eine grosse Niederschlagswelle anbahnt, dann holen wir sicher nicht noch einen Schamanen. Diesen brauchen wir nur dann, wenn es keine Wolken hat, oder wenn die Wolken sonst einfach nur vorüberziehen würden, wie dies in Rheinsiedeln ja leider so oft vorkommt.
Möckli: Wie heisst denn nun dieser Schamane, den der Stadtpräsident engagieren möchte?
Randegger: Die Firma heisst «Gentle-Rain-GmbH» und der dortige Schamane heisst Wendelin Sturzenegger.
Grütter: Dieser Name klingt aber nicht sehr indianisch. Der Mann ist sicher kein echter Schamane! Passen Sie auf, da kommen dann sicher noch ein paar überdrehte «Correctnessies», die von kultureller Aneignung schwadronieren, und die hätten dann nicht einmal unrecht.
Möckli: Also wenn schon, dann wollen wir einen richtigen Bilderbuch-Indianer, wie er im Winnetou von Karl Marx, äh… Karl May…steht.
Trinkler: Es geht nicht um Folklore, sondern um spirituelle Kontaktaufnahmen zur Wetterbeeinflussung. Und überhaupt. Das Wort «Indianer» wird diesen indigenen Völkern heute nicht mehr gerecht.
Möckli: Du hast ja vielleicht schon recht, Emma, aber wenn ich schon nicht an dieses Zeug glaube, will ich wenigstens an einer folkloristischen Show meinen Spass haben.
Randegger: Gibt es noch weitere Wortmeldungen?
Das scheint nicht der Fall zu sein. Dann schreiten wir zur Abstimmung über die Kompetenzerteilung an das Stadtpräsidium und die Werkreferentin zu punktuellen Einsätzen eines Regenschamanen im Laufe des Sommers 2026 bis zu einer Gesamtvergütungssumme von höchstens CHF 10'000.--. – Wer ist dafür?
Haldimann, Frau Trinkler und Randegger erheben die Hand.
Wer ist dagegen?
Frau Grütter erhebt die Hand.
Enthaltungen?
Möckli erhebt die Hand.
Randegger: Das Geschäft wird somit mit drei Stimmer dafür und einer Gegenstimme, bei einer Enthaltung, gutgeheissen.

In der Folge vereinbart die eingesetzte Delegation des Stadtrates mit der «Gentle-Rain-GmbH» einen Rahmenvertrag, gemäss welchem die Stadt Rheinsiedeln den Schamanen Wendelin Sturzenegger, allenfalls mit einem zusätzlichen Trommelgehilfen, auf Abruf auf einen ganz bestimmten Zeitpunkt bestellen kann, sofern die «Gentle-Rain-GmbH» auf diesen Termin nicht schon anderweitig verpflichtet ist. Der Stadtpräsident und die Stadträtin Emma Trinkler studieren somit regelmässig die SRF-Wetterprognose und legen den Schamaneneinsatz nach Möglichkeit auf einen Zeitpunkt fest, an welchem der Bedarf nach Regen nach längerer Trockenheit besonders gross ist, und für den nach Prognose nach wie vor kein Regen in Sicht ist. Damit die Arbeit des Schamanen und seines Trommelgehilfen nicht gestört werden kann, sollen die Regenzeremonien im Innenhof des Klosters Rheinsiedeln stattfinden. Nur die beiden genannten Mitglieder des Stadtrates und einige wenige eingeweihte Personen wohnen der ersten Zeremonie bei. Gewissermassen aus einem gewohnheitsmässigen Festhaltereflex heraus filmen einige Zuschauer:innen das Geschehen mit dem Handy. Das Schamanenteam merkt dann jedoch, dass die Kommunikation mit der Naturgeisterwelt irgendwie gestört ist. Als sie dann die Handyfilmerei bemerken, brechen sie die Zeremonie ab, um den Leuten zu erklären, dass das Filmen die Wirkung der Zeremonie beeinträchtige oder gar verunmögliche. Die Schamanen müssen dann mit allem nochmals von vorne anfangen. Die – diesmal störungsfreie - Wiederholung des Rituals führt bald dazu, dass sich immer mehr Wolken zusammenballen, und noch bevor die Zeremonie ganz zu Ende ist, regnet es bereits. Die Zuschauer:innen sind sichtlich beeindruckt und danken dem Schamanenteam geradezu ehrfürchtig. - Die ahnungslose Stadträtin Grütter lässt am Tag darauf an einer Sitzung die Worte fallen, der gestrige ganz normale Regen habe ja nun gezeigt, dass dieses «Schamanentamtam» völlig überflüssig sei. Der Stadtpräsident und die Stadträtin Emma Trinkler hüllen sich dazu in vielsagendes Schweigen.
Für den zweiten Schamaneneinsatz ist der ursprünglich vorgesehene Termin leider schon anderweitig vergeben, sodass die Stadtratsdelegation auf einen Freitagabend ausweichen muss, an welchem in Rheinsiedeln schon ein grosses folkloristisches Heimatfest stattfindet. Dies ist für die nächsten zwei Wochen das einzige mögliche Zeremonienzeitfenster, weshalb der Schamaneneinsatz im Kloster-Innenhof wohl oder übel doch so festgelegt wird, in der Hoffnung, dass dieser Innenhof doch einen gewissen akustischen Schutz biete. Die Zeremonie kann denn auch relativ ungestört beginnen, und nach fünf Minuten zeigen sich bereits deutliche Regenwolken. Mitten in der Zeremonie ertönt dann jedoch von der Schifflände her plötzlich ein penetrantes «Humba-humba-Gedudel» sinnigerweise mit dem Schlager «Weine nicht, wenn der Regen fällt» Entnervt müssen die Schamanen ihr Ritual abbrechen, und die aufgetauchten Regenwolken verziehen sich, so schnell wie sie gekommen sind, während der Schnulzensänger auf der Schifflände nun in aller Ausführlichkeit darüber singt, dass es in Hawaii kein Bier gebe.
An der nächsten Stadtratssitzung bemerkt die Stadträtin Grütter dann in spöttischem Ton, sie habe das Auto der «Gentle-Rain-GmbH» am letzten Freitag ja schon gesehen, und es sei doch eine Frechheit, dass man das ganze Heimatfest verregnen lassen wollte, aber eben, diese «Stümper-Schamanen» seien dazu ja zum Glück völlig unfähig. Da meint Emma Trinkler nur: «Ja ja, Britta, weine nicht, wenn der Regen fällt».

Inzwischen ist bis zur Stadträtin Britta Grütter durchgesickert, dass die Schamanen für ihre Regenzeremonien offenbar auf völlig störungsfreie Rahmenbedingungen angewiesen sind. Sie hat aufgrund ihres Amtes Kenntnis vom nächsten schamanischen Einsatztermin erhalten und überlegt sich nun, wie sie diesem ihr verhassten Regenbeschwörungsprojekt einen Streich spielen könnte. Nicht weit vom Kloster-Innenhof entfernt befindet sich die sogenannte St. Georgs-Wiese. Infolge der grossen Hitze und Trockenheit haben die dortigen Bäume schon ziemlich viel Laub verloren. Die Stadträtin Grütter veranlasst nun, dass dort genau zum besagten Zeremonienzeitpunkt der Gemeindearbeiter Anton Läubli mit dem Laubbläser zugange ist. Dazu muss sie allerdings ihre Kompetenzen etwas überschreiten, weil die Laubbläserei eigentlich ins Ressort von Emma Trinkler gehört. Am besagten Augustnachmittag beginnt nun im Kloster-Innenhof die Regenzeremonie der «Gentle-Rain-GmbH». Der Gemeindearbeiter Anton Läubli hat sich nun aber etwas verspätet, sodass sich aufgrund der Zeremonie bereits beachtliche Regenwolken gebildet haben, bis dann plötzlich ein penetrantes Laubbläsergedröhn einsetzt, das in kurzer Zeit die ganze Wolkenpracht wieder verscheucht. Man hätte meinen können, am Himmel sei ebenfalls ein Laubbläser am Werk. Das Schamanenteam muss die Zeremonie dann resigniert abbrechen. Zum Glück ist jedoch die Stadträtin Emma Trinkler auf dem Platz anwesend. Unvermittelt taucht bei ihr ein Verdacht auf. Sie bittet die Schamanen, zu warten, und begibt sich mit schnellen Schritten zur St. Georgs-Wiese. Mit lautem Rufen bringt sie den Gemeindearbeiter Anton Läubli schliesslich dazu, den Laubbläser abzustellen. Sie fragt ihn, wer diesen Bläsereinsatz veranlasst habe. Anton Läubli brummt: «He denk die Stadträtin Grütter.» «Die Grütter hat hier nichts zu sagen», klärt ihn Emma Trinkler auf, «die Laubbläserei gehört in mein Ressort, und ich weise Sie nun an, mit dem Blaseinsatz sofort aufzuhören.» Anton Läubli brummt etwas über «schlechte Koordination im Rathaus» und trottet mit dem Laubbläser davon. Emma Trinkler kehrt dann zum Innenhof zurück und erklärt, dass sie den Lärm nun gestoppt habe. Die Schamanen sind freundlicherweise bereit, mit der Zeremonie noch einmal von vorne zu beginnen. Es dauert nicht lange, da sind die Wolken wieder da, und bald fallen die ersten Regentropfen. Die Schamanen fahren mit der Zeremonie fort, bis es dann in Strömen regnet. Alle Bewohner:innen von Rheinsiedeln atmen erleichtert auf, geniessen den vom Regen verbreiteten Pflanzenduft und freuen sich daran, dass die Natur zu neuem Leben erwacht. Nur eine einzige Rheinsiedlerin blickt ziemlich missmutig in die heftig triefende Landschaft, die Stadträtin Britta Grütter. Ihr Störversuch ist ja nun gründlich ins Wasser gefallen. Da sie zudem keinen Regenschirm bei sich hat, sitzt sie im Confiserie-Café-Früh einstweilen fest. Vorsichtshalber hätte sie trotz des wolkenlosen Himmels wohl doch besser einen Schirm mitnehmen sollen, «bei diesem ganzen ‘Schamansinn’ heutzutage weiss man ja nie». Zum Trost bestellt sie sich eine grosse Portion Vermicelles, reichlich mit Kirsch beregnet. An die nächste Stadtratssitzung will sie jetzt lieber gar nicht denken. «Ja ja», sagt sie sich, «weine nicht, wenn der Regen fällt…»

Das Unsagbare
Am 31. April 2023 um ca. 01.45h ist auf dem Rathausplatz in Stein am Rhein ganz unerwartet das Unsagbare passiert. Da der Platz zum Zeitpunkt des Ereignisses allerdings völlig menschenleer war, und sich auch keine Überwachungskamera in Betrieb befand, gibt es keine stichhaltigen Beweise für diesen Vorfall. Immerhin lässt sich nachweisen, dass die Stille vor dem Geschehen eine andere Stille war als die Stille danach, wie sich ja auch die Stille vor einem Sturm deutlich von der Stille nach dem Sturm unterscheidet. Allein schon die Veränderung der Stille-Qualität deutet geradezu unausweichlich darauf hin, dass zwischen 01.30 h und 02.00 h ein Ereignis von erheblicher Bedeutung geschehen sein muss. Was denn nun aber das Unsagbare war, das um ca. 01.45 h auf dem Steiner Rathausplatz passierte, ist äusserst schwierig festzustellen, da es sich ja, wie gesagt, um etwas Unsagbares handelte. Ginge es bei diesem Ereignis um etwas Sagbares, wäre die Sache wesentlich einfacher zu klären. Was kann auf dem leeren Rathausplatz in Stein am Rhein um 01.45 h denn schon Nennenswertes passieren? Vielleicht brüllt ein betrunkener Spätheimkehrer irgendein kraftloses Kraftwort durch den leeren Platz? Vielleicht jault ein brünstiges Katzenpaar durch die biedere kleinstädtische Nacht? Aber etwas Unsagbares? Was könnte das denn sein? Zu billig wäre da der Versuch, das Unsagbare einfach als etwas Unsägliches zu verstehen, wie z.B. jene unsäglichen Krankenkassenwechsel-Belästigungsanrufe oder wie jene unsäglichen Daten-Phishingmails. Etwas in diesem Sinne Unsägliches ist in jener Nacht in Stein am Rhein mit an Wahrscheinlichkeit grenzender Sicherheit nicht passiert. Das Unsagbare ereignet sich wohl kaum auf einem derart dümmlichen Niveau, aber auch dies können wir keinesfalls mit absoluter Sicherheit wissen. Vielleicht hat es das Unsagbare gar nicht nötig, ein Niveau zu wahren. Das Unsagbare könnte ja auch eine absolute Geschmacklosigkeit gewesen sein, etwas unsagbar Geschmackloses zu einer absolut unchristlichen Zeit um 01.45 h in einem ansonsten durchaus unbescholtenen Städtchen. Das geht nun aber eindeutig zu weit. Gerade, dass wir weder das Ausmass einer solchen möglichen Geschmacklosigkeit noch deren Realitätsgehalt kennen, und somit schlicht mit allem rechnen müssen, macht das Unsagbare zu einem absoluten Skandal. Gerade der Umstand, dass dieses schwer eingrenzbare, vermutlich geschmacklose, Ereignis sich in aller Öffentlichkeit des menschenleeren Rathausplatzes auf eine Art und Weise abspielte, dass keinerlei Anwohner Gelegenheit hatten, sich wohlig in gerechtem Zorn gestört zu fühlen, gerade diese regelrechte Veräppelung aller Nichtbetroffenen stört den ordnungsgemässen Lauf der Dinge aufs Gröbste. Hinzu kommt noch, dass mangels hinreichenden Realitätsgehaltes dieser Unsagbarkeit und mangels kalendertauglicher Tatzeit auch jede Anzeige bei der Polizei unerbittlich ins Leere laufen muss. Ein Vergehen dürfte hier ohnehin nicht vorliegen, ausser vielleicht das Vergehen der Zeit, was jedoch alles andere als unsagbar ist. Aber wenn die Zeit selber sich in jenem nächtlichen Augenblick auf dem Rathausplatz erlaubt haben sollte, mitten in ihrem Vergehen eine kleine Ruhepause einzulegen, und dies alles mit einem unsagbar leisen Knacken im weitverzweigten «Gebälk» des Kosmos, ja, dann allerdings… Und plötzlich wollen da angeblich ganz viele dabei gewesen sein…
Christof Brassel, 19.05.2023

Das Modul
Als ich kürzlich am Rheinufer gedankenversunken mit einem Coffee-to-go unterwegs war, welchen ich – seinem wörtlichen Sinn entsprechend – langsam während des Gehens schluckweise in mich hineingoss, da stellte sich mir plötzlich, wie angeworfen, ein «künstlich-intelligentes Modul» in den Weg. Ich hatte vorher noch nie ein «KI-Modul» gesehen, aber dies hier musste nun – meinen gesammelten Vermutungen gemäss – zweifelsfrei ein solches KI-Modul sein. Vor Schreck verschüttete ich einen beträchtlichen Teil meines togolesischen Kaffees, zur Hauptsache direkt auf das Modul, welches nun wegen der Kaffeespritzer nervös rot und blau zu blinken begann. Über das Verhalten von KI-Modulen weiss ich so gut wie nichts. Das Einzige, was ich weiss: «Bei einem Modul weiss man nie!» Ich zog es daher vor, dem Modul aus dem Weg zu gehen, und versuchte, mich unauffällig zu entfernen. Doch als ich nach einigen Schritten zurückschaute, stellte ich fest, dass das Modul mich seinerseits ebenso «unauffällig» verfolgte. Als ich erneut versuchte, so ganz beiläufig den Ort des Geschehens zu verlassen, da war aus dem Modul plötzlich eine Lautsprecherstimme zu hören: «Dieser Mann hier hat gefährliche Gedanken!» Diesen Satz wiederholte das Modul unablässig: «Dieser Mann hier hat gefährliche Gedanken. Dieser Mann hier hat gefährliche Gedanken…». Die Sache wurde mir langsam ungemütlich, und allmählich sammelte sich auf dem Platz eine wachsende Traube von Schaulustigen an, die womöglich annahmen, es handle sich hier um ein absurdes Strassentheater über die Kommunikationsprobleme zwischen Mensch und Maschine. Unvermittelt kam mir der Gedanke, dass das aufgeregte Modul sich in seiner kybernetischen Nervosität am Ende gar noch in den Rhein hineinmanövrieren könnte. Da erhob es erneut seine Maschinenstimme und zeterte: «Dieser Mann hat gefährliche Gedanken. Er will mich in den Rhein reinschmeissen!» Auch diese Botschaft verkündete das Modul im Endlos-Modus. Irgendwie, so schien mir, musste ich da wohl etwas klarstellen, und so erklärte ich laut und deutlich, dass das blinkende Modul hier reinen Unsinn verbreite. Das Modul entgegnete sogleich: «Ja, dieser gefährliche Mann will mich aus reinem Unsinn in den Rhein reinschmeissen! ….. will mich aus reinem Unsinn in den Rhein reinschmeissen, aus reinem Unsinn in den Rhein rein…». Die Gedankenerfassungstechnik des KI-Moduls war offensichtlich mit einer fatalen Wahrnehmungsstörung belastet. Womöglich war das Modul aus einem Labor von «Neuralink» entwichen, einer Firma von Elon Musk, die sich unter dem harmlos-unverfänglichen Titel «brain-computer-interface» mit Forschung auf dem Gebiet Gedankenerkennung und - kontrolle befasst. Ich riet dem Modul deshalb, es solle doch baldmöglichst zur Generalrevision nach San Francisco ins Neuralink-Labor von Elon Musk zurückkehren. Da schrie das Modul in höchster Erregung: «So etwas darf niemand wissen. So etwas darf niemand wissen… niemand wissen… niemand…nie!!!». Dabei geriet es derart ausser sich, dass es in wilder Raserei auf dem Rheinuferplatz herumkurvte, ein dekoratives pilzförmiges Betonelement streifte und dann unkontrolliert geradewegs in den Rhein reinraste. – Polizeitaucher holten das in den Rhein gestürzte Modul dann später in ziemlich lädiertem Zustand wieder heraus und übergaben es der Staatsanwaltschaft zur Abklärung dieses bizarren Ereignisses. Ich selber erhielt bald darauf eine Vorladung zur polizeilichen Befragung – einstweilen nur als Auskunftsperson. Zeitgleich mit dem besagten Vorfall am Rheinufer spielte sich an einem exklusiven Managerseminar «for the leaders of the next generation» in der Nobel-Location «Vienna-House» in Schaffhausen folgende Szene ab: Vor dem wartenden Exklusivpublikum suchte der eigens angereiste Technology-Star Elon Musk, unterstützt von seinen zahlreichen technischen Assistenten und Assistentinnen, mit aufgeregten Anrufen in alle Weltgegenden fieberhaft nach seinem Prototyp-KI-Modul für die Brain-IT-Communication. Das Modul war unauffindbar, und der ansonsten cool-überlegen auftretende Musk liess mehr und mehr seine souveräne Maske fallen. Niemand aus diesem exklusiven Kreis konnte zu jenem Zeitpunkt wissen, dass das berühmte KI-Modul sich nach Stein am Rhein, dem früheren Veranstaltungsort dieses Top-Seminars, verirrt und sich dort dank seiner äusserst hochentwickelten künstlichen Intelligenz selber in den Rhein reinmanövriert hatte. So war das «KI-Modul» zu einem offensichtlichen «KO-Modul» geworden. Ein herber Rückschlag für die globale «Mind-design-Community»…
Ch.B. 16.09.2022

«Ganz alain»
Dass der Bundesrat sich Ende Juni 2021 für den amerikanischen Lockheed-Tarnkappen-Kampfjet F-35 entschieden hat, obwohl er der französischen Regierung noch kurz zuvor Hoffnungen auf einen Kampfjet-Deal im Hinblick auf das Modell «Rafale» der Firma Dassault machte, hat die Franzosen nachhaltig verärgert. Es ist deshalb nicht verwunderlich, dass die französische Luftwaffe am 5. Juli 2022, ein Jahr später, die Gelegenheit beim Schopf packte, als sie feststellte, dass Bundesrat Alain Berset – «ganz alain» – in einem «Cessna-Sportflugi» durch Frankreichs Luftraum tuckerte. Endlich konnte man der treulosen Schweiz einen Denkzettel verpassen («manquer une note de réflexion»?!?). Endlich konnte man es diesen frechen Helvetiern heimzahlen («payer à la maison»?!?). Alain Berset wurde nun also von zwei formidablen Dassault-Kampfjets – Modell «Raff-Alain» - flugtechnisch perfekt eingekeilt und zur Landung gezwungen. Zum Glück wurde er dann von der Luft-Gendarmerie – gewissermasen auf Bewährung – wieder auf freien «Fussabdruck» gesetzt, sonst wäre in Stein am Rhein womöglich noch die diesjährige 1.- August-Rede ausgefallen. Umso mehr freuen wir uns nun aber in unserem Städtchen - ganz oben in der Schweiz –, dass dieser «wakkere» Sportflieger mit uns am «déjeuner féderal» doch noch das 50-jährige Wakker-Preis-Jubiläum feiern wird. Auch in Stein am Rhein wird unser Kulturminister Berset «bersönlich» «ganz alain» unterwegs sein, ohne sein übliches «Begleit-Bersonal». Ob er mit dem Bundesrats-Heli direkt aus Bern oder oder aus seinem freiburgischen Wohnort «Bersepolis» anreisen wird, ist vorerst noch geheim. Vielleicht ist ihm die Fliegerei inzwischen auch etwas verleidet, und er nimmt ganz entspannt den Stammheimer TGV. Über den Inhalt der 1.- August-Rede können wir natürlich nur Mutmassungen anstellen, aber nachdem Alain Berset kürzlich am eigenen Leib erfahren hat, wozu man Kampfjets in einem relativen Ernstfall gebrauchen kann, wird er nun wohl – ganz im Sinne eines «wakkeren» Heimatschutzes – dafür plädieren, dass der Tarnkappen-(«bonnet de camouflage»)-Kampfjet F-35 so rasch als möglich angeschafft wird, da man ja nie weiss, ob sich plötzlich übergriffige ausländische Regierungsmitglieder unbefugt im schweizerischen Luftraum herumtreiben, und dies womöglich mit derart hochgetunten Sportflugzeugen, dass man ihnen nur noch mit dem F-35 beikommt. Unser Alain-féderal wird wohl auch «perdre quelques mots» über unser Europaparadox, wonach wir trotz unseres helvetischen Alleinganges nicht einfach «ganz alain» sind. Als Einwohner des freiburgischen «Bersepolis» wird Alain Berset sodann vermutlich auch an das originale, mit P geschriebene persische Persepolis erinnern, das bekanntlich bereits im Jahre 330 vor Christus von Alexander dem «Grossen» zerstört wurde. Der Kulturminister wird die «Steinwohnerschaft» zur «Wakksamkeit» gegenüber jeder Form von destruktiver Grossspurigkeit aufrufen und uns dabei womöglich das Steiner Wandbild am Haus zur Sonne in Erinnerung rufen. In der dort abgebildeten Szene steht bekanntlich der besagte Alexander der Grosse dem Fassbewohner Diogenes vor der Sonne, worauf Diogenes dem Grossherrscher auf dessen Frage nach einem Wunsch ganz unaufgeregt aber mit klaren Worten zu verstehen gibt, er möge ihm doch bitte aus der Sonne gehen. Die Diogenes-Wandbildszene zeigt in diesem Sinn exemplarisch, dass es im öffentlichen Leben immer wieder darum geht, allen, die sich wie grossspurige Alexander aufführen, rechtzeitig und unmissverständlich die Grenzen ihrer Macht aufzuzeigen. Das alte Persepolis hätte in städtebaulicher Hinsicht ohne weiteres einen Wakkerpreis verdient. Leider wurde es vom besagten Alexander drei Jahre nach der Eroberungsschlacht von Issos blindwütig zerstört, lange bevor es auch nur in Ansätzen so etwas wie einen Wakkerpreis gab. Persepolis ist in diesem Sinne ein hochaktuelles Thema überall auf dieser Welt. Und überall dort, wo es – auf welche Art auch immer – zerstört wird, geht es darum, es «wakker» wiederaufzubauen, oder noch besser: die Zerstörung «wakker» zu verhindern – auch dann, wenn wir mit diesem Anliegen zunächst nur «ganz alain» dastehen…
Christof Brassel, 19.7.2022

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