Anlässlich der soeben überschrittenen 70-er-Schwelle - hier eine Rückblende auf meinen vor 10 Jahren verfassten Text zum Vergehen der Zeit:

«Wiedochdiezeipfergeht»

Es ist noch gar nicht so lange her, da war ich sechzehn und steckte mit Volldampf in den wilden Sechzigerjahren, nun mit sechzig melden sich die Sechziger ein zweites Mal, - wiedochdiezeipfergeht! Doch die Zeit vergeht nicht nur, sie rast dahin, sie entflieht, sie stürzt vorwärts, besinnungslos, unerbittlich, sie vergeht und vergeht und vergeht; und obwohl sie immerzu vergeht, ist sie doch nie ganz vergangen. Sie vergeht immer weiter, aber es bleibt von ihr immer eine Restzeit übrig, wie das Restwasser in unseren Alpentälern. Die Zukunft als Restzeit, als ein kläglicher, aber bisher noch nicht erschöpfter Restposten, der sich unablässig und halsüberkopf in den gierigen Schlund der Vergangenheit hinabstürzt. Die Zukunft, die sich plötzlich vergegenwärtigt, dass sie keine mehr ist. Der Zahn der Zeit zernagt nicht nur das gesamte Mobiliar des Universums, er zernagt auch die Zeit selber: die Steinzeit, die Eiszeit, die Bronzezeit, die Plasticzeit, die Kreidezeit, die Dienstzeit, die Freizeit, Halbzeit, Hochzeit, Krisenzeit, Überzeit, Sauregurkenzeit..... Und im Einflussbereich dieses Rachens, der alles frisst und frisst und frisst - prostmahlzeit -, ist die Zeit bald keine Zeit mehr, sondern selber nur noch eine Frist. Duliebezeit, duliebefrist. Dafür kann man mit einer Frist etwas tun, was man mit der Zeit nicht tun kann: Man kann sie erstrecken, und das Streckmittel ist unsere ungebrochene oder immer wieder zusammengeflickte Lebensfreude; und jetzt, wo unsere Zukunft bereits hinter uns liegt, lasst uns wenigstens noch eine herzhafte Portion Unvergangenheit geniessen! - Doch immer muss man daran denken, dass die Zeit im Raum stattfindet Ohne Raum hat die Zeit keine Chance. Doch wenn die Raumtemparatur überhandnimmt, dass alles vergeht vor Hitze, muss man sich nicht wundern, dass auch die Zeit so schnell vergeht. Schade, dass ich erst mit 60 auf diese Erkenntnis stosse. Deshalb nichts wie los und im überheizten Raum ein paar Zeitfenster öffnen um durchzulüften. Denn was gibt es Schöneres als bei offenem Zeitfenster in die Landschaft zu blicken und der Zeit genüsslich beim Verstreichen zu helfen...

«ehe» für alle:
Es gibt Leute, die begnügen sich damit, statt «Ja» nur «e-he» oder statt «Nein» nur «hö-ö» zu sagen. Wenn es feierlich und verbindlich zugehen muss, ist die eher beiläufige Bejahung mit «ehe» allerdings eher selten. Gerade auf dem Zivilstandsamt zum Beispiel, wäre in der recht saloppen Zustimmung mit «ehe» jedoch eine tiefgreifende Wahrheit verborgen, denn das, wozu man/frau «ehe» gesagt hat, ist nichts anderes als die «Ehe». Die Ehe als ein auf unbestimmte Zeit hin kristallisiertes «ehe» zueinander. Inzwischen haben auch die schweizerischen Stimmbürger/innen «ehe» gesagt zur «Ehe für alle». Die Heterofundamentalisten wollten zwar daran festhalten, dass die Ehe weiterhin exklusiv eine Lesbengemeinschaft zwischen Mann und Frau bleiben sollte, aber das Volk – wer immer das ist – hat sich auf lesbenbejahende Weise offen gezeigt und dem universalen zwischenmenschlichen «ehe» die Türe geöffnet. Gerade weil wir inzwischen in einer recht heterogenen Gesellschaft leben, ist die Homo-Ehe nachgerade eine Selbstverständlichkeit, während stark homogene Gesellschaften immer noch auf die Heteros focussiert sind. Allmählich hat sich denn auch die Erkenntnis durchgesetzt, dass beim Menschengeschlecht das Geschlecht nicht eine derart überragende Rolle spielt, gehören wir doch seit «ehedem» dem Primatenstamm des «Homo Sapiens» an und nicht etwa des «Hetero Sapiens». Hinzu kommt in letzter Zeit auch noch die Tendenz, dass wir pandemiebedingt heute in zunehmendem Masse im sogenannten «Homo-Office» arbeiten und nicht mehr ausschliesslich im «Hetero-Office». Was die Ehe-Traditionalisten besonders «mopst», ist insbesondere die Zulassung der nicht-beischläfrigen Samenspende für die «2-Mütter-0-Vater-Ehe». Ins Feld geführt wird da etwa die angebliche Gefahr der Übermütterung und Unterväterung. Ein solches Gefahrenpotential kann sich allerdings genauso bei ganz gewöhlichen Hetero-Ehen zeigen. Andere Traditions-Affine haben zwar nichts gegen die Einführung der Homo-Ehe, hängen jedoch bezüglich Samenspende immer noch klassisch antiken Verfahrensmustern an, fasziniert von der Vorstellung, wonach die Lesben von Lesbos bei einem allfälligen Kinderwunsch einige adonishafte Samenspender aus dem benachbarten Samos kommen liessen, unter denen sie dann jeweils einen für den entscheidenden «one-night-stand» auswählten. Ausser diesen kurzfristigen Samenspendern durften nämlich in mythischer Zeit keine Männer nach Lesbos einreisen, insofern war Lesbos in jeder Hinsicht ein «Kei-man-island», während auf den Cayman Islands heute vor allem hochbezahlte Steuerflüchtlingshelfer in gelangweilter Hetero-Anmachstimmung ihre Daiquiris schlürfen. Und wenn wir wegen der Samenspende schon bei Samos und Lesbos sind, darf natürlich auch Rhodos nicht vergessen werden, zumal wir ja in der Schweiz Rhodos sogar in zweifacher Ausführung haben, nämlich Innerrhodos und Ausserrhodos. Innerrhodos hat der «Ehe für alle» übrigens nur knapp mit 50,8 % zugestimmt, Ausserrhodos mit 57,8%. Das Vorurteil von den rückständigen Innerschweizern und Innerrhödlern wird jedoch von den Abstimmungsresultaten vom 26. September 2021 zum Teil auf bemerkenswerte Weise widerlegt. So haben die Urner z.B. 58,3% Ja in die Urnen gelegt, und die Urnäscher (Ausserrhodos) nur 36,4%, die Nidwaldner 61.6%, und die Oberhallauer/SH nur 47,5%. Wenig erstaunt uns, dass der Ja-Stimmen-Anteil im «Bedheterotal» (TI) nur bei 25% lag. Allerdings lag die Zustimmung auch im aargauischen «Hinzenschwul» nur bei enttäuschenden 56,1%. Eine der markantesten Begleiterscheinungen der «Ehe für alle» ist nun aber vor allem auch die «Scheidung für alle». Rund 50% der in unserer «Scheidgenossenschaft» geschlossenen Ehen werden früher oder später – nicht durch den Tod, sondern durch eine Einzelrichterin – geschieden. Die Möglichkeit der Scheidung ist es doch gerade, die – unter anderem – zur Durchlüftung der auf Dauer angelegten Ehen beiträgt. Ob in hetero-, homo- oder a-sexuellen, diversen oder nicht-binären Beziehungen, der Notausgang «Scheidung» ist gewissermassen - gerade auch wenn er nicht benutzt wird – das Überdruckventil, das es den Verehelichten überhaupt erst ermöglicht, im Zustand der Freiwilligkeit von Zeit zu Zeit immer wieder mal unausgesprochen «ehe» zueinander zu sagen. Das alles muss gebührend gefeiert werden. Sei es im «Scheidiland», auf der Scheidmatt, in Scheidwilen, in Scheidlisbach oder auf der Grossen- oder Kleinen Scheidegg: Mit einer «Apfelwähe für alle» oder mit einem feinen «Scheidelbeer-Dessert»…
Ch.B. 5.10.2021

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